Schützenhaus

Im Verlaufe von fast zwei Jahrhunderten an einem einzigen Standort drei unterschiedliche gastronomische und kulturelle Burger Anlaufpunkte? Das wurde zwischen der heutigen Schützenstraße, Lutherstraße und Bahnhofstraße erreicht. Zuerst das Schützenhaus. Es folgte das Hermann-Matern-Haus. Jetzt ist dort die Stadthalle zu finden.

Kaum vorstellbar, dass diese Fläche noch Anfang des 19. Jahrhunderts außerhalb der Ihlestadt gelegen hatte. Die Stadtgrenze war vom Schartauer Tor markiert. Mitte des Jahrhunderts verschwand es. Einzig die Familie Rabending ließ sich nicht von diesem Bauwerk Burger Wehrhaftigkeit beeindrucken. 1810 war im Burger Kurier zu lesen, dass sie im Haus und Garten zu Kaffee, Tee Kuchen und Konzert einluden.

Ihre Immobilie war 1850 unter der Adresse „Vor dem Schartauer Tor Nr. 1129“ eingetragen. Eigentümer Ferdinand Rabending war Schützenwirt und Gärtner gleichzeitig. Sohn Carl Friedrich Hermann Rabending, gleichfalls Gärtner, ließ ein überdauerndes Schützenhaus bauen. Möglicherweise vollbrachte er die große Investition, da sogar die Stadtverwaltung 1850 in ihren Grundstücksunterlagen zum Tabagiebetrieb des Rabendings vermerkte: „Die Geschäfte gehen nicht besonders“.

Dem konnten die Rabendings in den Jahren bis zur Abgabedes Geschäfts 1885 mit sensationshungrigen Aufrufen begegnen.

Im Sommer des Jahres 1852 brannte das alte Schützenhaus ab. Trotz des Verlustes ließ sich der Wirt nicht entmutigen und ließ es schöner und großzügiger wieder aufbauen. Am 1. August 1853 erfolgte die Eröffnung.

Burg’sche Zeitung 7. Dezember 1867

Das Schützenhaus wurde eine gute Adresse für Kurzweil. Zumeist fanden die Veranstaltungen auf dem freien Platz vor dem Haus statt. Im August 1861 gastierte die Seiltänzerfamilie Palm. Deren Auftritt wurde von einem Feuerwerk des Kunstfeuerwerkers Th. Kühn gekrönt. Für Pfingsten 1879 wurde eine „Große Taucher-Production in einem mit Wasser gefüllten Baissin“ angekündigt, bei der unter Wasser alle nur möglichen Arbeiten verrichtet werden, versprach der Gastwirt. Die den Burgern vorgeführte Technik soll bei der Hebung des untergegangen deutschen Panzerschiffes „Großer Kurfürst“ zur Anwendung gekommen sein. Im gleichen Jahr traten die berühmtesten Läufer des Magdeburger Central-Skating-Ringes auf. (……). Mit dabei ein Holländer und ein achtjähriger Knabe. Sieben Jahre später wird auf vielseitigen Wunsch zum sonntäglichen Besuch des anatomisch-pathologischen Museums eines J. Winkler eingeladen.

Ein anatomischer Hercules ist zerlegbar, eine Magenresection nach Prof. Billroth und Luftröhren- und Staroperation können nachempfunden werden. Dass es in der Epoche reichlich Konzerte gab, sei ergänzend erwähnt. Am 4.Juli annocierte Rabending ein „Grosses Militair-Concert“ mit 14 Programmpunkten, wobei sich die Militair-Musiker nicht zu schade waren, anschließend zum Ball aufzuspielen.

Nachfolgender Schützenhausbetreiber Carl Progatzky schien sich der kulurellen Tradition verpflichtet. Er organisierte gleichfalls Erlebnishöhepunkte. Am 3. April 1892 ließ er den „kühnen Aeronauten Herrn Fritz Behlick“ nach Burg kommen. Er führte den von ihm selbst erbauten Riesenballon „Union“ vor. Drei Jahre später eine größere Sensation. Vor dem Schützenhaus stellte sich der „rühmlichst bekannte Luftschiffer“ Paul Feller mit dem Riesen-Drillings-Ballon „Mars“ vor. Erstaunlich ist, dass der Schützenhausgarten ab 1901 zum Teil als Tennisplatz gedient hatte. Sogar Damen der besseren Gesellschaft Burgs absolvierten Tennnisstunden. Überhaupt schien das Schützenhaus unter Regie von Progatzky sich hin und wieder dem Sport verschrieben zu haben. Überliefert ist, dass es am 23. Oktober 1897 eine Elite-Vorstellung von Ringkämpfern gegeben hatte. Der Meisterschaftsringer von Europa J. Pohl reiste an und trat gegen Burger starke Männer an. Franz Lohmann vom Burger Athletenclub „Germania“ und Carl Dörge und Philipp Klein, beide wurden als Monteure beruflich angepriesen, traten gegen den Europaringer an. 1000 Mark wurden von ihm als Preis ausgeschrieben. Die Verkündigung des Preises konnte sich Pohl sparen. Es gab lediglich eine Mark pro Minute für die einheimischen Herausforderer, für die Zeit, in der sie dem Pohl „ordentlich Widerstand geleistet hatten“

Progatzkys Schützenhaus war oft Mittelpunkt nationalen Gedenkens. Unter angekündigter Teilnahme von über 100 Burger Honoratioren wurde am 30. März 1895 der 80. Geburtstag des Fürsten Bismarcks gedacht. „Diese Feier soll bestehen in einem allgemeinen Kommers unter Theilnahme aus allen Ständen unserer Einwohnerschaft“, hieß es in der Ankündigung. Bismarck weilte Jahre später höchstpersönlich in Burg, wie am 4. Juni 1903 aus den Burger Neusten Nachrichten zu erfahren war. Aus Anlass der bevorstehenden Reichstagswahlen hatte die Konservative und Nationalliberale Partai ins Schützenhaus eingeladen. Reichstagskandidat Otto von Bismarck wollte sich vorstellen und sein Wahlprogramm verbreiten.

1915 musste das Schützenhaus eine neue kriegsbedingte Funktion erfüllen. Verwundete des 1. Weltkrieges sollten sich im hier geschaffenen Hilfslazarett auskurieren.

1923 verkünden Karl Krause und Frau die Fertigstellung der vielen Bürgern unserer Stadt noch bekannten Freilichtbühne im Schützenhausgarten. Neben dem Eröffnungseliteprogramm mit Brilliantfeuerwerk, wird ein Lustspiel aufgeführt. Musisch begleitet von ehemaligen Trompetern des 40. Feldartillerieregiments. Gästen ist das Rauchen gestattet. Getränke gibt es nach belieben. Dass die inflationäre Entwicklung in Deutschland beginnt ist am Eintrittspreis ersichtlich.

Am 28. Juli 1923 beträgt er für die Veranstaltung 6000 Mark.

In der Nazizeit war das Burger Schützenhaus, das in den Jahren die Adresse Hauptmann-Loeper-straße 26 hatte, ein Veranstaltungsort der Landkreis-NSDAP und örtlicher SA- und SS-Gliederungen. Unrühmlich ein dokumentiertes Ereignis vom Juni 1933. Im Burger Tageblatt wurde ein Foto veröffentlicht, auf dem zu sehen ist, wie SA-Leute angeblich marxistische Literatur öffentlich verbrennen.

1937 war das Schützenhaus als Gasthaus am Ende. Witwe Anna Kindel, deren Familie war in einige Vorjahre Eigentümer des Hauses gewesen war, erwies sich nach dem Tod ihres Mannes dermaßen verschuldet, dass die Stadt Burg sich gezwungen sah, es zu übernehmen. Es stand eine Zwangsversteigerung bevor. Mit einiger Befriedigung gingen die damaligen Ratsherren an eine mögliche Übernahme. An Stelle des Schützenhauses sollte eine neue Stadtverwaltung entstehen. Oberbürgermeister Lebenstedt bemängelte, dass der Verwaltungsapparat auf verschiedene Quartiere der Stadt Burg verteilt wäre. Sogar Platz für eine neue gewerbliche Berufsschule wäre gewesen, da die alte baufällig war, warb Lebenstedt. Fast 56 000 Reichsmark seien mit der Witwe Kindel als Kaufpreis vereinbart. Nur wurde aus dem Bauprojekt nichts, wie aus Archiven zu ersehen ist.


Ära des „Hermann“

Erwähnenswert ist wieder die Zeit ab 1953. Das Schützenhaus sollte in jungen DDR-Jahren zum Kulturhaus umgewandelt werden. Bei dem Umbau bot die größte Schwierigkeit die Säulenkonstruktion des Saales. 18 Exemplar e waren es. Neue Säulen müssten aber gesetzt werden. Die Verschnöckelung der Decke entsprach nicht mehr dem anbrechenden sozialistischen Zeitgeist. Ein glatter Putz stand in der Bauplanung. 500 Klappstühle sollten dafür sorgen, dass ein ausreichender Veranstaltungs-, Vortrags- und Konzertsaal geschaffen wird. Geplant war zudem, eine Sternwarte auf dem Dach einzurichten. Nur die Finanzierung des Gesamtvorhabens war nicht abgerundet. Für den Ausbau seien noch viele freiwillig Helfer und freiwillige Spenden nötig, meldete die Volksstimme. Lobend wurden Reesdorf und Drewitz erwähnt, die Bauholz bereitstellen wollten. Anerkennung außerdem für die Städtische Berufsschule, die im 1952 über 800 Arbeitsstunden geleistet hatte.

Begonnen wurde mit den Bauarbeiten tatsächlich. Nur erhielt das Gebäude eine Doppelfunktion. Neben dem Kulturhaus war es außerdem das Kreisheimatmuseum. Rein museal wurde es samt Nebengelände deshalb nicht nur genutzt werden. Es gab „Massendemonstrationen zum Tag der Republik“ und Parkfeste. Ein Volksstimme-Leser fragte an, warum der vereinsamte Musikpavillion im Garten als Kulturstätte nicht in Betrieb gehen kann? Was eisern blieb, war in der Nachbarschaft der Busbahnhof der Kreisstadt, auch als Gummibahnhof mit Minigaststätte bekannt, und eine Bratwurstbude, die bei Burgern sehr beliebt war.

1972 kam das Ende des Kreismuseums. Die Exponate wurden ausgelagert, zum Teil in ein Haus in Burg und nach Magdeburg. Heute sind sie im Genthiner Museum zu sehen und dort beherbergt.

Es folgte der Abriss des ehemaligen Schützenhauses. Nachfolger war das Hermann-Matern-Haus, von den Burgern kurz und bündig „Hermann“ genannt. Inhalt: ein Saal, die Gedenkstätte an den in Burg geborenen Kommunisten und prominenten führenden SED-Funktionär Hermann Matern und ein Gaststätte. Die Einweihung des Maternhauses fand standesgemäß mit einem Appell von Kampfgruppen-Einheiten statt. Geschehen am 5.Oktober 1973.

Die Gaststätte war bei den Burgern beliebt, auch wenn es …. einen Kriminalfall des Personals gab. Gleichermaßen begehrenswert war der Saal. Zahllose Veranstaltungen verschiedenster Genres, von Betriebsfesten über Kulturveranstaltungen jeglicher Art waren gefragt und ausgebucht. Aufgetreten waren unter anderem das Komikerduo Herricht und Preil, Schlangersänger Jürgen Walter und die damals bekannten polnische Rockband „Rote Gitarren“. Als Meilenstein erwies sich das Gastspiel der Phydus. Es ist in Erinnerung, da die Kulturhausleitung sich in Vorbereitung als nervös erwies.Sie konnte sich mit dem Gedanken nicht anfreunden, dass die jugendlichen Zuhörer aus gängiger Praxis die braven Sitzplätze als überflüssig empfinden könnten, sondern lieber ungestüm vor der Bühne und im Saal freihändig rocken würden. Nicht gänzlich verbrieft ist, dass bei dem Konzert ein Phudy-Gitarre spurlos verschwunden sein soll.

Eine Extrabemerkung ist die Selbstbedienungsreihe im Freigelände des Maternhauses wert. Ursprünglich sollte zwei aufgestellten Hütten dem niveauvollen Verzehr von Fisch- und Wildgerichten dienen. Aus Mangel an „Rohprodukten“ vereinsamten beide Holzbauten sehr bald. Das blieb der nahen Selbstbedienungsreihe im Materngarten erspart, bald vom Volksmund als Assi-Garten bezeichnet, da dort auch Gäste verkehrten, die ausdauernd dem Bier und Schnaps zusprachen. Übrigens ein Dorn im Auge der Partei- und Kreisverantwortlichen. Ändern konnten oder wollten sie die Situation aber nicht.

Erinnerungswürdig an das alte Maternhaus ist des weiteren, dass im alten Saal die Städtepartnerschaft zwischen Gummersbach und Burg geschlossen wurde. Es hieß nicht mehr Hermann-Matern-Haus, sondern wiederhergebracht Schützenhaus. Dass PDS-Vorsitzender Gregor Gysi bei einem Wahlkampfauftritt 1995 hier auftrat, sei ergänzend erwähnt. Dann wurde es sehr still um den Komplex, außer, das im Haus und vor ihm????? der mehrheitliche Entscheid des Landtages Sachsen-Anhalts gefeiert wurde, Burg und nicht Genthin als Kreisstadt des neuen Landkreises Jerichower Land einzusetzen. Nach solchen einzelnen Höhepunkten verkam der „Hermann“ zusehends.


Burg wurde für 2002 als Gastgeber des Sachsen-Anhalt-Tages gekürt. Höchster Anlass für das Schützenhaus sich als ein Mittelpunkt des Landesfestes zu präsentieren. Glück im Glück: Es gab finanzielle Fördermittel der Landesregierung zum zeitgemäßen Umbau. April 2001 wurde mit dem Projekt begonnen. Umstritten war die farbliche Gestaltung der Außenfassade, die bis in den Innenraum reichte. Heute regt sich darüber kein Burger mehr auf.

Als das rundum erneuerte Gebäude im August 2002 mit einem enormen Zulauf neugieriger Kreisstädter 2002 eröffnet wurde, konnte keiner ahnen das der Sachsen-Anhalt-Tag und damit Burg als Veranstaltungsort buchstäblich ins Wasser fiel. Das tragische Elbehochwasser des Spätsommers 2002 Zwang zur Absage des Burger Sachsen -Anhalt-Tages. Ein Jahr später aber vom 27. bis 29. Juni 2003 führte das vertagte Landesfest die neue Stadthalle zu anerkennenden Ehren.

Eines blieb regelmäßig auf der Strecke: Die Gastronomie des Hauses. Immer wieder wechselten glücklose Pächter. Sogar der ansonsten erfolgreiche und ideenreiche Pareyer Gastronom Björn Thomas verließ wegen mangelndem Zuspruch der Burger zum Ende 2008 Küche und Gaststätte…

Rote Mühle
Waldhalle
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