Konzerthaus

Wo bis 1984 am Markt das Konzerthaus stand, befand sich einst die Tuchfabrik Boisly. Das Grundstück hatte im 19. Jahrhundert die Hausnummer 484.Das bedeutete nicht, dass der Markt endlos viele Häuser hatte. Zu der Zeit wurden Gebäude eines Ortes durchnummeriert, was gleichbedeutend war, dass sie damit ihre Adressennummer hatten. Auf dem Katasterplan von 1852 ist die Nummer 434 als Tuchfabrik eingetragen. Der gewerbliche Charakter änderte sich ein Viertel Jahrhundert grundsätzlich. Der Schankwirt und Schuhmachermeister Emanuel Georg Wiggert eröffnete am 29. September 1877 am gleichen Platz eine Restauration mit französischem Billard und wurde Wiggertscher Salon genannt. Sieben Jahre später übernahm Friedrich Pabst das gastronomische Geschäft und taufte es Konzerthaus. Damals Concert-Haus geschrieben. Vorher hatte Wiggert den Lokalitätennamen schon in diese Richtung geändert: Concertgarten. Hintergrund war vermutlich, dass er von der Stadt zur Verbreitung einer tadellos gesitteten Muse gezwungen wurde.

Als Wiggert nämlich 1879 dem baupolizeilichen Antrag zum Bau eines Saales stellte, wurde ihm rigoros geantwortet, ein Konzertraum schon, aber nur nicht für das Erklingen von Tanzmusik. Begründet wurde diese Anordnung in dem Schreiben folgendermaßen:

  1. Es liegt kein öffentliches Bedürfnis vor, die Brutstätten des Lasters zu vermehren
  2. Es fehlen die polizeilichen Kräfte zur Überwachung
  3. Die Nachbarn werden in empfindsamer Weise belästigt
  4. Eine Prügelei im Herzen der Stadt ist schwer zu bewältigen
  5. Die Stadt hat bereits 10 Tanzsäle

Tageblatt vom 23. Dezember 1879

Aus dem Archiv ist noch eine Besonderheit über den ersten Besitzer Wiggert zu entnehmen. Er kehrte nach dem Besitzerwechsel an Pabst als Betreiber wieder zurück. Das ab dem 1.Oktober 1886. Die Gründe liegen im Dunkeln. Tatsache ist nur, dass Emanuel Wiggert das Konzerthaus bis zum Tod im Januar 1888 führte.

Burger Erwerbsgärtner präsentieren ihre Produkte im alten Saal

Der aus Genthin stammende Paul Basigkow hatte das Konzerthaus im November 1889 von der Witwe Wiggert übernommen. Nicht erst seit der Hausführung des Genthiners wurde die 1879 von der Stadt aufgedrückte Nutzungsverfügung des Saales ausschließlich für ein Konzertleben aufgeweicht. Der Anteil an Vergnügungen und Familien- und Vereinsfeiern nahm beständig zu. Auch Bildungsveranstaltungen wurden von Basigkow angeboten. Wie zum Beispiel am 9. Mai 1893. Es wurde ein „hochinteressanter Vortrag“ zum Stand der Vorarbeiten für den Rhein-Weser-Elbe-Canal gehalten. Burg sollte schließlich in das Projekt einbezogen werden.

Ein schicksalhaftes Jahr für das Konzerthaus der Familie Basigkow wurde 1906. Der Saal brannte vollkommen nieder. Im Burger Tageblatt war von einem Großfeuer die Rede, das am 4. Mai 1906 gegen 7 Uhr ausgebrochen war. Erstaunlich, dass sich Paul Basigkow keine lange Zeit ließ, den Verlust zu verdauen. Zwei Monate später konnten Einzelheiten zum Neubau verkündet werden. Der Saal sollte nicht nur „allen Sicherheitsmaßregeln“ entsprechen, sondern auch allen „Comfort der Neuzeit“ bekommen wie zum Beispiel ein Dampfheizung, endlich ausreichend Toilettenanlagen und eine großzügige Bühne. Zum Weihnachtsfest des gleichen Jahres gab es für die Burger einen Tag der offenen Tür zur Besichtigung, auch wenn der Gesamtbau noch nicht vollendet war.

Das Konzerthaus erfreute sich in den Folgejahren erneut einer ungebrochenen Beliebtheit. Sie war wohl so groß, dass manche Jugendliche sich zu Tanzveranstaltungen Einlass erschlichen. Es geht aus den Gerichtsakten 1909 hervor, dass sich die Handlungslehrlinge Otto L. und Willy St. für einen Tanzabend ein käuflich zu erwerbendes Tanzband teilten. Die Respektperson von Tanzordner wurde so um eine Mark betrogen. Für diesen „rechtswidrigen Vermögensvorteil“, wie es im Juristendeutsch hieß, wurde L. zu 3 Mark Strafe verurteilt und St. bekam einen Verweis.

Maßloses Eintrittsgeld

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Konzerthaus oft Ort politischer Aktion, wobei trotzdem Termine der leichten Muse weiterhin überwogen.

Das Stadttheater Burg, das im Konzerthaus seine Heimstadt hatte, führte im November 1918 das Antikriegsstück „Die Waffen nieder“. Es entstand nach dem Roman von Bertha von Suttner, Österreicherin und namhafte Vertreterin der bürgerlichen Friedensbewegung. Am 11. Februar 1920 sprach der Magdeburger Oberbürgermeister Hermann Beims über „Deutschlands Gegenwart und Zukunft“. Einlader war der SPD-Ortsverein Burg.

Die folgende Inflation 1923 führte am Konzerthaus nicht vorbei. Zu mindestens, was die Eintrittspreise anbelangte. Sie nahmen astronomisch sprunghaft zu, zeigten aber auch für das Haus, dass trotzt wirtschaftlicher Katastrophe sich nach Möglichkeit belustigt wurde. Ein Auszug aus der Eintrittskartenhinterlassenschaft: Am 27.Mai 1923 kostete der Einlass zum Sonntagstanz 50 Pfennig und am 2. September schon 5000 Mark. Am 30. September schnellte der Preis auf 100 000 Mark hoch, eine Woche später betrug er 1 Millionen und in der nächsten Woche 2 Millionen Mark. Am 18. November wurden 5 Milliarden Mark verlangt und am 2. Dezember 50 Milliarden Mark. Der Gipfel wurde am 16. Dezember 1923 erreicht: Eintritt für 500 Milliarden Mark. Anfang 1924 war keine Rede mehr von Unsummen, aber davon, dass jetzt für den Sonntagstanz 10 Goldpfennig zu bezahlen wären. Ein Zeichen auch für Burg, dass Deutschland die elende Inflation in den Griff bekommen wollte.

Mit Beginn der dreißiger Jahre zeigte der Konzerthaus-Programmkalender, welche katastrophalen Zeiten auf die Deutschen zukommen sollten, Zwar gab es noch einzelne Veranstaltungen der SPD, wie im Sommer 1930, als Rudolf Breitscheid zu den Burgen sprach. Aber schon 1932 vereinnahmte die NSDAP-Ortsgruppe den Saal.

Aus der Nazizeit wäre für das Konzerthaus noch zu berichten, dass es außer einer Reihe von „Kraft durch Freude“-Veranstaltungen und des „Winterhilfswerkes“ für Burg 1936 es hier das so genannte Eintopfessen gab. Es sollte Sinnbild „des Erstarkens der Volksgemeinschaft“ sein und beitragen, dem steigenden Rüstungshaushalt den Verzicht der Bürger auf allzu üppige, da teure Sonntagsmahlzeiten entgegenzusetzen.

Trotz der zunehmenden Naziorientierung der Veranstaltungen für den Saal, versuchten die Basigkows Musik-und Kinostars in die Ihlestadt zu holen. Aufgetreten waren unter anderem Henny Porten, Claire Waldoff und Grete Weiser. Auch Gisela Schlüter, die Frau mit der großen schnellen „Klappe“ und noch bis in die 70er-Jahre auf dem westlichen TV-Bildschirm präsent, begeisterte als junge Künstlerin von der Konzerthausbühne aus die Burger.

Umstrittener Abriss

Paul Basigkow konnte noch am 28.Juli 1939 seinen 80. Geburtstag feiern, was in der Öffentlichkeit sehr groß wahrgenommen wurde. Der kleine Monarch, wie er scherzhaft genannt wurde, konnte sein hohes Alter aber nicht sehr lange genießen. Vier Monate später verstarb er und Sohn Willy übernahm das Konzerthaus. Er betrieb es auch noch in den Nachkriegsjahren bis zu seinem Todestag am 23.Oktober 1957. Neuer Eigentümer des nun genannten „Haus der Werktätigen“ wurde der staatliche Handelsbetrieb HO, wobei es bei den Burgern unter der Hand beim Konzerthaus blieb, auch wenn die SED-Ortsgruppe den Saal für Kundgebung mietete. Schon im Oktober 1947 war hier übrigens der erste Ministerpräsident der baldigen DDR zu hören. Otto Grothewohl sprach „zu wichtigen Problemen unserer Zeit“. Auch die erste Jugendweihe fand 1948 unterm Dach des Konzerthauses statt.

Jugendweihe 1956


Auch unter dem Staatswappen von Hammer, Zirkel und Ehrenkranz blieb das Konzerthaus vorrangig der Treffpunkt für Frohsinn, wie die Auftritte des Schlagersängers Fred Frohbergs oder des unvergessenen Komikers Eberhard Cohrs, und sogar für den Sport. Der Saal war in den 50er-Jahren Kampfstätte der Boxerriege von Fortschritt Burg. Ältere Burger werden bei den Namen Wolfgang und Horst Wille aufhorchen. Beide gehörten als bekannte Größen zur Staffel der Burger Boxeridole, die es in den 60er Jahren bis in die 1. DDR-Liga schafften.

Burger Boxstaffel

Sattlermeister Kastius beim Karneval

Goldene Kehle aus Burg, Eva Kupferschmidt

Ein extra Kapitel der Konzerthausgeschichte der Nachkriegszeit gehört dem Burger Karnevalsverein. Unter dem langjährigen Karnevalspräsidenten Willi Neumann wurde die Narrensaison ab den fünfziger Jahren eisern gefeiert. Aus der Zeit sind solche Namen wie Eva Kupferschmidt unvergessen. Sie war Stimmungssängerin der Burger Faschingszunft, ab er auch außerhalb der fünften Jahreszeit für viele Jahre als Sängerin gefragt. Karnevalsitzungen gab es praktisch bis in die letzte Zeit der Existenz des Konzerthauses-Haus der Werktätigen. Sie wurde im September 1977 eingeläutet. Ein letzter Hinweis auf ein Tanzvergnügen ist aus der Volksstimme vom 19. August des genannten Jahres zu entnehmen. Die Disko „Resonanz“ rief die jungen Leute für 1.60 DDR-Mark in den Saal. In der Zeitungsanzeige „HO-Gaststätteninformation“ vom 23. Dezember 1977 über die Öffnungszeiten am Jahresende ist das Konzerthaus nicht mehr erwähnt…

So präsentierte sich der Konzerthaussaal vor dem Abriss – Bild vom 3. Januar 1982

Der Abriss des Konzerthauses war und blieb bei den Burgern umstritten. Es musste von Staatswegen aber weichen, zumal das Hermann-Matern-Haus an der Bahnhofstraße als neue sozialistische Kulturstätte schon vier Jahre stand. Im April und Mai 1984 erfolgten die Sprengung des Saales und der Abriss der Gebäude auf diesem Grundstück. Damit war der Kahlschlag vom Markt bis zur Bruchstraße längst nicht beendet. Es fiel die komplette Häuserzeile, um Raum für ein geplantes Plattenbauviertel zu machen. Der Konzerthausaal schien sich für seine unangemessene Beseitigung im Übrigen gerächt zu haben. Die Spezialisten des Autobahnbaukombinates Magdeburg benötigten unvorhergesehene zwei Sprengungen, um den traditionellen Burger Saal dem Erdboden gleich machen zu können.

Abrissgelände Konzerthaus am 11. April 1984

In diesem Artikel, erschienen in der Volksstimme am 22. Juni 1984, versuchte man den Abriss zu rechtfertigen

Marktplatz Sommer 2009

Hohenzollernpark
Logenhaus
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