Hohenzollernpark

Bis jetzt nicht nachweisbar, dass eine Lokalität Burgs mehr Namen in seiner Existenz hatte, als der Hohenzollernpark. Bis zum Ende der DDR war das Gebäude den Burgern als SED-Kreisleitung bekannt. Und nur die ältere Generation wusste, dass es sich bei dem Gebäude um ein ehemaliges Ausflugslokal handelte. Die Namen in der Reihenfolge waren über fast 200 Jahren Vetters Salon, Hofjäger, Hohenzollernpark, Volkshaus, Nationale Festsäle und Haus der Einheit. Angesiedelt in der Karl-Marx-Straße 32.

Das Archiv gibt es her, dass 1819 der Weißgerber Walwer direkt an der Ihle eine Tabagie eröffnet hatte, wie verlangt vor den Stadtmauern Burgs. 36 Jahre später übernahm A. Vetter die Tabagie und gab ihr seinen Namen. Sein Lokal schien so gut zu laufen, dass er sich 1863 daran machte, es ein Ausflugslokal umzuprofilieren. Die Architektur des geplanten Saales war sehr detailverliebt und verspielt, aber entsprach dem Zeitgeschmack. Eröffnet wurde die neue Gaststätte „Vetters Salon“ am 27.Juni 1863 mit „Einem Abend am Vesuv oder einer italienische Nacht“, wie eine Anzeige in der Burgschen Zeitung versprach.

1888 hatte der Salon des A. Vetters einen neuen Besitzer, der sein Eigentum „Hofjäger“ taufte. Das Ausflugslokal war am 9.Mai 1897 für eine Sensation auserwählt worden. Im „2. Nebensaal“ konnten die Burger sich damit bekannt machen, was Kinematographie bedeutet. Mit dem Untertitel „neueste Erfindung des genialen Edisons“ wurde es als „lebende Photographie“ angekündigt. Das Kino hatte Burg erreicht.

Als nunmehr „Hohenzollernpark“ blieb die Gastwirtschaft ab dem Jahrhundertwechsel den Ihlestädtern auch weiterhin ein vertrauter Begriff. Die Umbenennung muss Gastwirt Hermann Lorenz in Kaiserverehrung vorgenommen haben. Überliefert sind mit seinem Namen Ansichtskarten und Zeitungsnotizen anfangs als Besitzer des „Hofjägers“ und ab Ende 1900 dann das gleiche Haus als „Hohenzollernpark“.

Egal wie die Gaststätte hieß, im Saal wurde kräftig gefeiert und sich vergnügt. Belustigend die Ankündigung für einen öffentlichen Maskenball am 24. Januar 1914, was die Preise für die besten Kostüme anbelangte: „Die originellste Herrenmaske erhält 1 lebenden Schwein, die beste Herrenmaske 1 Hasen, die originellste Damenmaske ein Kaffeeservice und die beste Damenmaske 1 Schlackwurst.“ Mit Beginn des Ersten Weltkrieges war der Spaß vorbei. Die Ausflugsgaststätte musste als Reservelazarett herhalten. Nach Kriegsende ein weiterer Umbau und zwar vom Fabrikbesitzer August Voigt. Ab 1921 gab es dank ihm einen neuen Tanz- und Konzertsaal.

Damit nicht genug der Modernisierung. Gustav Holzmann, Besitzer der Burger Feldschlösschenbrauerei, ließ an Stelle des „Hohenzollernparkes“ einen Neubau errichten, wie er heute noch steht. Einzig der Saal blieb vom Vorgänger erhalten. Die Eröffnungsfeier des Volkshauses, wie es nun genannt wurde, erfolgte am 7.November 1931. Von Beginn an hatte der SPD-Ortsverein das Haus zu seiner Versammlungsstätte ausgesucht. Auch die Arbeitersport- und Gesangsvereine der Stadt waren hier zur Saalmiete. Drei Tage nach Eröffnung zum Beispiel veranstalteten die Burger Sozialdemokraten eine „große republikanische Kundgebung gegen Bürgerkriegshetze und Völkermorden“.

Mit SPD-Veranstaltungen war es 1933 vorbei. Oskar Prigaun, der bereits 1928 Inhaber des damals noch genannten „Hohenzollernparkes“ war, war ab dem Jahr der Machtergreifung Hitlers der Bewirtschafter, jetzt unter der Bezeichnung „National-Festsäle“, passend zur neuen Anschrift Hermann-Göring-Straße 35. Ab 1939 wandelte sich der Charakter des Gebäudes radikal. In ihm wurde der Wehrbezirkskommando, das Wehrmeldeamt und das Meldeamt 53 des Reichsarbeitsdienstes untergebracht.

Mit dem Niedergang des Nazireiches und in den ersten Jahren der DDR wurde aus den Räumlichkeiten einer der ersten HO-Gaststätten Burgs. Über die Gaststättenkultur der damaligen Zeit schrieb ein Volkskorrespondent 1951:Durch den großen Besucherandrang reichte der Gaststättenraum nicht aus. Ein Teil der Gäste musste also den Saal benutzen. Da mussten sie auf ihre Bestellung oft eine Stunde warten. Letztendlich mussten sie den Kellner persönlich aufsuchen, um ihn an den Tisch zu bitten. Es ist wenig angenehm, wenn auf jede Bestellung die Antwort folgt: “Haben wir nicht, ist nicht vorhanden, oder ist ausverkauft.“ So gab es z.B. weder Eis noch Obstsaft, noch dunkles Bier. Es erhebt sich die Frage, ob die verantwortliche Geschäftsleitung wirklich gut und sorgfältig den zu erwartenden Besuch geplant hatte. Außerdem wurden die großen kahlen Wände des Saales, die eine gute künstlerische Ausgestaltung ermöglichen würden, kritisiert. Verschiedene Gäste waren sich darüber einig, dass gerade die Handelsorganisation in jeder Weise Vorbild sein sollte. Die verantwortlichen Mitarbeiter sollten nicht versäumen, der werktätigen Bevölkerung unserer Stadt und ihren Gästen aus den übrigen Teilen Deutschlands zu jeder Stunde durch Tatsachen beweisen, dass die HO-Gaststätten die Träger bester deutscher Gaststättenkultur sind und nicht bloß Amüsierlokale.

Den Saal nutzte nicht nur die SED, sondern war auch Tagungsort der verschiedensten Organisationen wie Konsum, Urania, FDGB oder FDJ. Über einige Jahre sogar wurden in ihm Jugendweihefeiern begangen. Damit war in den Achtzigern Schluss. Der Grund: Logischerweise waren unter dem erschienen Jugendweihefeiergästen auch Verwandte aus Westdeutschland. Gemäß der eisern praktizierten „revolutionären Wachsamkeit“ der Parteikader konnte deren Aufenthalt in einer SED-Kreisleitung nicht mehr toleriert werden.

>Ab Mitte der achtziger Jahren war geplant worden, das Parteihaus auszubauen und zu erweitern, was aber infolge der Wende nicht umgesetzt werden konnte. Noch im März 1989 hatte die örtliche Gesellschaft Denkmalpflege des DDR-Kulturbunds angemahnt, den Komplex samt traditionsreichen Saal bei einer Rekonstruktion weitgehend in seinem historischen Äußeren zu erhalten.

Zwar belegte ab 1990 die PDS-SED für einige Zeit noch ein kleines Büro, aber in der Hauptsache ließ sich das BBZ Berufliches Bildungszentrum Burg nieder. Die Aufgabe ist es, Arbeitslose wieder ins Arbeitsleben zurückzubringen. Außerdem wurden im ehemaligen „Haus der Einheit“ zwischenzeitlich sieben Wohnungen eingerichtet. Eigentümer wurde eine näher nicht bezeichnete Gesellschaft, in deren Auftrag eine Aachener Immobilienfirma die Karl-Marx-Straße 35 bewirtschaftete. Im Herbst 2006 sollte die Ex-SED-Kreisleitung bei einer Großauktion im Berliner Rathaus Schöneberg für 60 000 Euro unter den Versteigerungshammer kommen, aber ohne Erfolg.

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