Entwicklung der Gastronomie

Des Reisenden Nachtlager

Rein ins Internet, hin zum Reisebüro oder durchforsten von Telefonbüchern oder Fremdenverkehrsprospekten. Ein Hotel für Dienstreise, Urlaub oder Ausflug heute zu buchen ist einfach. Große Entfernungen geteilt oder gedrittelt mit einem erholsamen Hotelschlaf kein Problem. Vor über 100 Jahre aber wurde die Reiselust auf harte Proben gestellt. Zu Fuß, zu Pferde oder mit der Postkutsche ging es von Ort zu Ort. Oftmals über Wochen oder Monate – ausgesetzt den Unbilden des Wetters und Reiserouten, die aus Wegen und Buckelstraßen bestanden. Chausseen wurden erst Anfang des 19.Jahrhunderts gebaut. Es waren gradlinige befestigte Kunststraßen. Die Chaussee von Burg nach Magdeburg entstand 1819/1820. Die Verlängerung nach Genthin erfolgte 1822.

Die Anzahl der Reisenden stieg infolge stetig an. Die Suche nach einer Übernachtung nahm im gleichen Maß zu. Gasthöfe und Herbergen sollten das Nachtlager bieten, das nur in wenigen Fällen als komfortabel bezeichnet werden konnte. Ein Vermerk aus dem Jahr 1808 sagte aus, das monatlich 500 Reisende die Burger Torwachen passiert hatten.

Im 18. und 19.Jahrhundert öffnete in Burg eine Vielzahl von Gasthöfen. Das älteste bekannte Quartier war 1719 der königlich privilegierte Gasthof „Zum Schulterblatt“ in der heutigen Brüderstraße 23. Aber nicht jedes Gasthaus war für jedermann gedacht. Es wurde streng auf Standesunterschiede geachtet. Es gab sie „für gebildete Stände“ und „für gewöhnliche Ausspannung“. Vornehmere Leute zogen auf dem Rolandplatz im „Zum Roland“, „Zur Eisenbahn“ in der Bahnhofstraße oder im erwähnten „Schulterblatt“ ein. Das niedere Volk, wie Handwerker auf der Walz oder gestandene Zunftbrüder, streng getrennt nach Berufsgruppen, wussten sich in Herbergen umsorgt. Dazu zählten „Stadt Hamburg“ in der Jacobistraße, „Goldene Krone“ am Markt, das „Weiße Ross“ in der Brüderstraße oder der „Braune Hirsch“ in der Koloniestraße.

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass die Eröffnung der Eisenbahnstrecke Berlin-Potsdam-Magdeburg am 7. August 1848 einen Zuwachs an Gasthof- und Herbergsbetten mit sich brachte. Die Inbetriebnahme des Ihlekanals Ende 1871 allerdings hatte auf einen nächsten Aufschwung des heimischen Gasthof- und Beherbergungswesen kaum Einfluss. Die Schiffer übernachteten mit ihren Besatzungen auf den Kähnen.


Tabagien, Ballhäuser und Ausflugslokale

Tabagien, Ballhäuser und Ausflugslokal als Gastwirtsbetriebe waren unterschiedlicher, wie sie es bedeutungsvoller nicht sein konnten. Auch in der Geschichte der Burger Gastronomie.

Tabagien? Was war das, wird sich nicht nur die junge Generation fragen. Aus dem spanischen und französischen Wortschatz für den Begriff Gelage stammend, waren sie ab Ende des 18.Jahrhundert gastwirtliche Treffpunkte außerhalb der Stadtmauern. Mitgebracht hatten den Begriff augenscheinlich die Hugenotten, die sich damals in Burg angesiedelt hatten.

Das zumeist einfache Volk wollte bei Weib, Bier und Gesang auch rauchen können. Das aus tabakgefüllten Tonpfeifen. Die Brandgefahr innerhalb der Städte wäre aber bei der Fachwerkbauweise zu groß gewesen. Als wurden Polizeiverordnungen erlassen, dass diese raucherfreundlichen Gasthöfe, also Tabagien, gehörig entfernt vom Stadtzentrum sich befinden sollten. Da machte die städtische Polizeigewalt von Burg keine Ausnahme. Allerdings wurde nach dem Revolutionsjahr 1848 diese Gesetzlichkeit gelockert. Was trotzdem blieb, waren Tabagien, nun immer mehr in der Stadt angesiedelt. In erster Linie wurden sie von Handwerksburschen und später von Arbeitern bevölkert. Und es blieb der Ruf vor allem des Bürgertums, dass Tabagien als „unanständig“ eingestuft wurden. Es zeigte sich aber im Verlaufe der Jahrzehnte, dass der gehobene Stand Tabagien auch aufsuchen wollte, aber ihrem höheren Anspruch gemessen betrieben und ausgestattet. In Burg kehrten die Wohlhabenden in das Alte Forsthaus im Burger Holz ein, der Mittelstand und die Beamtenschaft in die Tabagie am Brehm und das Proletariat in das „Eichhörnchen“. Aus ihnen entwickelten sich im Verlauf der Jahrzehnte sehr schnell Ausflugslokale. Zu bedenken ist, dass bis in das 20. Jahrhundert hinein es keine Urlaubstage gab, wie wir sie heute seit Jahrzehnten kennen. Einzige Erholung für die Familie blieb, am Wochenende und da vorbehaltlich am Sonntag einen Ausflug in die grünen gastronomischen Oasen am Stadtrand von Burg zu unternehmen. Es wurde kein langwieriger Fußmarsch gescheut. Wer ein Fahrrad besaß, nahm es als Transportmittel in den sonnigen Jahreszeiten. Die Pferdedroschke als Anfuhrmöglichkeit zu den Burger Ausflugsgaststätten blieb den wohlhabenden Burgern vorbehalten.

Da ging es in den Burger Ballhäusern von Anbeginn vornehmer zu. Der Begriff wurde ab dem 19.Jahrhundert für Tanzsäle und Tanzlokale genutzt. Für Burg zu nennen wären das Konzerthaus, angesiedelt am Markt, und die Zentralhalle an der Magdeburger Promenade. Der Ursprung des Wortes Ballhaus rührt übrigens aus dem Italien des späten 15.Jahrhunderts her. In den folgenden zwei Jahrhunderten verbreiteten sich die Ballhäuser auch an europäischen Fürstenhöfen und Universitäten und zwar als Sportstätten. Der Adel und Gebildete spielten in ihnen Ballsportarten, wie den Vorläufer des modernen Tennis, ehe sie als ausgedehnte Räumlichkeiten für das Tanzvergnügen entdeckt wurden.

Burg ist von Wald, Wiesen, Feldern, Flüssen, Kanälen und Seen umgeben. Einen ausgedehnten Grüngürtel, den die Städter damals zur ausgiebigen Erholung nutzten. Der Postkartenausschnitt zeigt Ausflügler am alten Forsthaus im Bürgerholz, wo der Förster und seine Frau einen Ausschank betrieben.


Kneipen

Kneipen hatte Burg sehr viele. Von ihnen bestehen kaum noch welche. Aber bis in die 70er und 80er Jahre war der Bestand beträchtlich.

Was sind eigentlich Kneipen? In der Hauptsache werden in ihnen Getränke angeboten. Etwas Imbiss ist auch möglich. Nur das Bier dürfte der Renner sein. Ursprünglich nannte man die Kneipen Schankwirtschaften. In ihnen wurde nur Flüssiges ausgeschenkt. Im Gegensatz zur Speisewirtschaft, in der der Gast sich vorrangig zum Essen niederließ und sie der Vorgänger des Restaurants war. Die Bezeichnung Kneipe wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts aus der Studentensprache in die deutsche Umgangssprache übernommen. Sie wurde von Anbeginn vorrangig der feierabendliche Treffpunkt der Arbeiter. Eine Tradition, die aus den Zeiten der mittelalterlichen Zunftstuben und Schenken herrührt. Mit der Industrialisierung und Verstädterung im 19.Jahrhundert entwickelten sich daraus die Arbeiterkneipe. So auch in Burg, wo die Leder-und Schuhindustrie heimisch wurde. Die Kneipe waren anfangs ein Stehausschank oder eine Eckkneipe mit Sitzgelegenheiten.

Einige von ihnen hatten in Burg Spitznamen bekommen, die Generationen überdauerten. Deftig waren sie teilweise, wie „Scheißklappe“, „Klebearsch“, „Schmale Handtuch“ oder „Spatzenfalle“. Der stadtbekannte „Klebearsch“ war allerdings keine Kneipe, die ihren Ursprung aus dem 19. Jahrhundert oder dem Anfang des 20. Jahrhunderts hatte. Es handelte sich um die Gaststätte am Knäcke-Sportplatz, der nicht mehr existiert. Offensichtlich war die Gaststube so gemütlich, dass der Gast bei Bier und Schnaps am Stuhl sinnbildlich festkleben blieb und nur schwer die Gastlichkeit verlassen konnte.


Café und Eisdielen

Cafés waren niemals die vorherrschende hiesige Art der Gastronomie. Als ausgesprochene Arbeiterstadt waren in Burg vor allem Gasthöfe und Kneipen gefragt. Trotzdem bekamen Cafèinhaber zu allen Zeiten die Chance, Geld zu verdienen. Wo heute das Café Pütter zu finden ist, war praktisch das erste Café der Stadt Burg, also noch im 19. Jahrhundert. Die wenigen Cafés verteilten sich über die Stadt, aber waren zumeist im Stadtkern angesiedelt. Seelenverwandt mit den Cafés sind die Eisdielen.


Kioske

Kioske, also der schnelle Imbiss für einen Schluck Brause oder Bier, für einen raschen Biss in die Bockwurst oder für den Kauf der Tageszeitung, waren in Burg ein gastronomische Normalität erst seit der Nachkriegszeit. Die Wortschöpfung war aber keine der jüngsten Menschheitsära. Kioskartige Gebäude soll es schon im 13. Jahrhundert in Persien, Indien und im osmanischen Reich gegeben haben. Zu der Zeit in Element höfischer Architektur. In Deutschland wurde der Begriff erst seit dem 19. Jahrhundert mit einem kleinen Verkaufstand gleichgesetzt.

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