Gerichtsschenke

Die geschlossene Gerichtsschenke im Breite Weg war nicht von Anfang an ein Kneipe. Am 8. April 1888 inserierte im Burger Tageblatt Louis Ferchland, dass er im Breite Weg 39 neben seiner bestehenden Konditorei ein Café eröffnen wird.

Café Lincke um 1900

Sechs Jahre später übernahm Konditor Carl Lincke Bäckerei und Café. Es war für ihn ein beruflicher Umzug vom Markt 31 in die Straße zum Rathaus.

Erst im Juli 1932 ist ein nächstes öffentliches Signal zu entdecken und immer noch unter dem Namen Café Lincke. Es handelte sich um eine Eröffnungsfeier mit einem faden Beigeschmack aus heutiger Sicht. Der neue Betreiber gab seinem Café die Zusatzbezeichnung „Braunes Haus“. Noch vor der Machtergreifung Hitlers versuchte der stramme Nazi Otto Ulrich so „weltanschauliche“ Tatsachen zu schaffen. Ulrich war es auch, der Lachmunds Hotel in der Bahnhofstraße kaufte, um daraus das Hotel Potsdam zumachen. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde es Sitz der Kreis-NSDAP.

Nach dem Otto Ulrich 1933 die Gaststätte an seinen Nachfolger Willi Plattè übergab, erhielt sie den Namen „Gerichtsschenke“. Namensentscheidend war die Nähe zum Kreisgericht und dem städtischen Gefängnis. Es war oft ein Kreislauf. Aus der Haft entlassen, das erste Bier getrunken, nicht vertragen und wieder inhaftiert.

Über einige Jahre war in der Zeit die Kneipe Treffpunkt des Elferrates des Burger Karnevalsvereins gewesen. Zu den Karnevalsumzügen pausierte gelegentlich dort der Narrenvorstand oder nahm von hier aus den „Generalangriff“ auf das Rathaus vor, um vom Bürgermeister die Stadtschlüssel zu erobern.

Die HO-Gerichtsschenke hatte sich im Laufe der ersten DDR-Jahre eine guten Ruf für Speis‘ und Trank gemacht. Belegt wird das von einer Meldung, nach der Anfang 1958 das Gaststättenkollektiv mit einer Ehrenurkunde bedacht wurde.

Wie andere HO-Gaststätten auch, wurde die Gerichtsschenke in Abständen renoviert und neu ausgestattet. In den siebziger Jahren schuf bei der Gelegenheit Max Brandt ein Kunstwerk, auf dem der sagenhafte Trommler von Burg dargestellt wird. Er soll zwar nicht vom Keller dieses Gebäude aus, aber von der, die einstmals als Ratsweinschenke auf dem Grundstück des nahen Gerichtes gestanden haben soll, als Wetteinsatz in ein Labyrinth von Gängen und mit einer Trommel ausgerüstet hineinmarschiert und verschwunden sein. Brandt, der hauptberuflich Werbegrafiker beim HO war, wollte an die Geschichte erinnern, wenn auch nicht in der überlieferten Schenke.

Noch eine Geschichte aus der Gerichtsschenke gibt es, die aber tatsächlich passierte, über die aber nie eine Zeile in der Zeitung stand. Das wäre zu DDR-Zeiten undenkbar gewesen. Es war Anfang der achtziger Jahre, als ein führender ziviler SED-Funktionär des Kreises im Suff versucht hatte, Gäste der Kneipe zu verhaften. Mit einer Pistole, die zu seiner dienstlichen Ausstattung gehörte, soll er dabei herumgefuchtelt haben. Was der Grund des Vorfalls war, darüber gab es nur Gerüchte und Spekulationen. Schnell wurde er unter den parteilichen Teppich gekehrt – dafür aber in der Stadt wild diskutiert. Der Verhaftungsversuch war das Ende des Funktionärs – zu mindestens wurde er in Burg seines gehobenen Parteipostens enthoben.

Die in der Altstadt eigentlich ideal liegende Gaststätte wurde aber nach der Wende geschlossen. Über die Jahre verteilt, gab es Verkaufsversuche des Hauses, wie im Mai 1995, als das 300 Quadratmeter große Grundstück für 130 000 DM zum Kauf angepriesen wurde.

Der Ihlerausch
Goldener Stern
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