Der Ihlerausch

In der so genannten Seelenliste der Stadt der Jahre 1890 bis 1895 wird Karl Jesse und seine Frau Auguste erstmals als Eigentümer des Grundstückes der Kneipe „Ihlerausch“ erwähnt. Er war von Beruf Handelsmann, wollte seinen geschäftlichen Gesichtskreis erweitern und eröffnete in einem Neubau eine Kolonialwarenhandlung, der bald eine Schankwirtschaft folgte. Eine Kombination, die nicht selten war. Jesses Hoffnung muss gewesen sein, dass die stetig wachsende Stadt Burg auch in dem Bereich ihm Umsatz bringende Gäste bescheren könnte. Der gleich vom Start weg verwendete Gaststättenname „Ihlerausch“ soll dem Umstand entlehnt sein, dass sich gegenüber in der Fruchtstraße 1 eine Mühle befand, zu der ein Ihlewehr gehörte. Es ließ das Flüsschen vernehmlich rauschen. Überliefert ist außerdem, dass sich der „Ihlerausch“ mit den Jahren zu einer beliebten Arbeiterkneipe entwickelt hatte.

Legendär ist eine spätere Betreiberin der Gastwirtschaft, genannt Gerda oder auch Gerdi. Die Wirtin soll nicht nur gut gekocht, sondern auch ausgezeichnet Skat gespielt haben. Von einem ordentlichen Blatt ließ sie sich nie stören. Die Kundschaft, die im Außer-Haus-Verkauf Flaschen erstehen wollte, musste sich das Bier aus den Kästen selbst holen, der gastwirtlichen Skatfreundin die Flaschenanzahl am Skattisch vorzeigen und ihr dort gleich bezahlen.

Der lezte Wirt Dietmar Schönfelder bewirtschaftet das Lokal nun schon drei Jahrzehnten. Von sich reden machte er 2008, als er mit einem Burger Berufskollegen über Rechtsanwalt Bugar gegenüber der Landesregierung erstritten ließ, das solche Bierkneipen wie seine, weiterhin den Gästen das Rauchen gestatten könne. Schönfelders Einsatz lohnte sich. Seitdem weist ein Schild im Fenster auf die Besonderheit hin und dass kein Jugendlicher unter 18 Jahren im „Ihlerausch“ nichts zu suchen hat.

Wer sich näher in der Gaststätte umsieht, wird manche historische Trophäe in Form von Plakaten oder Werbeschildern sehen. Ein Schild, gewidmet vom FDGB-Kreisvorstand aus DDR-Zeiten, erinnert daran, dass die Gastwirtschaft „Ihlerausch“ seit 1894 Hort zur Organisierung der Arbeiterbewegung Burgs war.

Im August 2016 endete die Ära der Kultkneipe „Ihlerausch“ durch den plötzlichen Tod des Wirtes, der täglich für seine Gäste hinterm Tresen stand, die sich nicht nur wie Gäste sondern, wie Familie und Freunde fühlten.

Auch hatte der Ausnahmewirt immer einen Rat, bei einem kühlen Getränk, im richtigen Moment parat. Neben Gesprächen aus dem Leben wurden im Ihlerausch aber auch wichtige Fußball-Spiele übertragen und an anderen Tagen gemütlich im angrenzenden Biergarten zusammen gesessen. Seine Stammgäste beschreiben ihn als eine gute Seele und einem Menschen mit einem unvergesslich großen Herz.

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