Bahnhofsgaststätte

Am Anfang der Existenz der Burger Bahnhofsgaststätte, die als Bahnhofstraße 10 im Adressbuch ausgewiesen wurde, konnte man sie durchaus als gutklassig bezeichnen, vorausgesetzt, man war nicht Gast des Wartesaales der Klasse 3 und 4, sondern der bevorzugten Reiseklassen 1. und 2. Zum Ende seines Bestandes in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war es nur noch eine Durchlaufkneipe für wartende Reisende. Einzig einige stadtbekannte Burger Originale sollen sie hartnäckig als gastronomische Heimstatt ausdauernd aufgesucht haben.

Im April 1863 findet sich in der Burgschen Zeitung ein Hinweis auf die Bahnhofs-Restauration des Gastwirtes August Thie. Er verkündete, dass er die Kegelbahn „wieder völlig in Stand gesetzt“ hat. Diese befand sich nicht unter dem Dach der Gaststätte, sondern außerhalb in Höhe, wo heute der Wasserturm steht. Die wahren Kegelbrüder versuchte Thie im Mai 1864 mit dem Angebot zu begeistern, dass er „12 gute Kegelkugeln abzulassen“ habe, die man getrost mit nach Hause nehmen oder zum nächsten Wettkampf mitbringen können. Überhaupt hatte er ein offenes Herz für die Kegelbrüder. Im März 1868 meldete er, dass er nach nachdrücklicher Aufforderung vieler Kegelfreunde für den Sommer die äußerst linke Bahn dazu bestimmt hat, auf ihr Bahngeld auszukegeln. Zu vermuten ist, dass man auf sportliche Weise sein Fahrgeld aufbessern konnte.

Wie war der Burger Bahnhof aufgeteilt? Im Empfangsgebäude war die Gastronomie untergebracht, für die nach 1884 eine Küche angebaut wurde. Eine Plandarstellung von 1872 zeigt, dass es vier Gasträume gab. Der größte war der Reiseklasse 4 und der Kleinste der 1. Klasse reserviert, alles untergebracht im Empfangsgebäude des Bahnhofs. Ein Kohlenschuppen befand sich dort, wo jetzt der Busbahnhof endet. Vor dem Bahnhof gab es eine Haltestelle für Fuhrwerke und über den zwei Gleisen Richtung Berlin beziehungsweise Magdeburg hinweg hatte ein Lokschuppen, eine Schmiede, eine Großwaage und ein Güterschuppen Platz. Dieser muss der gewesen sein, der in unseren Tag noch zu sehen ist, aber nunmehr leer und ungebraucht und gewiss größer im Ausmaß als vor über 100 Jahren war. Letztendlich wurde in der zeichnerischen Übersicht der Standort von Retiraden ausgewiesen. Kurz gesagt, das war zu Urgroßvaters Zeiten der verschämte lateinische Ausdruck für Toiletten. Drei Stück wurden verzeichnet. Zwei neben dem Empfangsgebäude und ein drittes in Reichweite der abgelegenen Kegelbahn.

1906 gab es eine Auffrischung des Bahnhofslokals. Verantwortlich war Gastwirt Carl Genth aus Gommern. Die Wartesäle wurden erneuert. Die Burger Neusten Nachrichten meldeten am 7. September 1906: „In der Nacht schon wurden die Möbel und Utensilien aus den alten düsteren und unpraktischen Zimmern fortgeschafft, so dass in aller Frühe die Arbeiten für den provisorischen Umbau der Schalter und Gebäckräume beginnen konnten.“ Sehr klassendifferent wurde sogleich klar gemacht. „Die neuen Räume machen einen sehr guten Eindruck und sind der Neuzeit entsprechend modern eingerichtet. Die I. Und II. Klasse hat eichene Möbel erhalten, während der Saal III. und IV. Klasse in seinem Möbelelement dunkel gehalten ist.“ Übrigens hieß ab 1907 für einige Jahre der Gasthof „Staatsbahnhof Burg“.

Aus dem gleichen Jahr ist über eine Episode zu berichten, die nicht nur die Burger Bahnhofsgaststätte betraf. Es soll einige Jahre zuvor eine ministerielle Anordnung gegeben haben, „glasweise den Verkauf von Selterswasser an den Zügen zum Preise von 5 Pfennig durch die Bahnwirte erfolgen zu lassen“. Nur seien die Wirte laut Klagen von Reisenden der Verfügung vielfach nicht nachgekommen. Jetzt wollte sich der Minister für öffentliche Arbeiten an die Eisenbahndirektionen wenden, eine mahnende Weisung an die Bahnwirte zu erlassen und deren „Ausführung zu überwachen“.

Bahnhofsgarten – 20er Jahre

Noch nach dem Zweiten Weltkrieg war die Bahnhofswirtschaft in die Hände von Carl Genths Sohn Paul gekommen. In der Erinnerung der Gäste hatte der neue Bahnhofswirt einen sehr guten Ruf. Gutes und preiswertes Essen und zuvorkommende Bedienung, hieß und heißt es noch bei einigen von ihnen heute.

Bahnhofsgaststätte 1950

Bald aber übernahm die Mitropa das Lokal und das Niveau ließ ließ in den kommenden Jahren zu wünschen übrig. Aber mit Erscheinungsbild stand die Burger Mitropa nicht allein, sondern war leider allgemeiner Standard fast aller DDR-Mitropa-Einrichtungen, die in der Öffentlichkeit in der Dauerkritik standen. Medienwirksam wurde in Burg zwar eine Selbstbedienungszeile eingerichtet, die nur bald darauf funktionslos herumstand.

Eigentlich hatte sich der Bahnhof zu einer richtigen Säuferkneipe entwickelt. Wer stadtbekannte Persönlichkeiten in Natura erleben wollte, war hier richtig. Das Burger Original Richard S, bekannt bei den Frauen mit dem Ausspruch: „Aphrodite, schöne Frau, schöne Beine!“, kehrte hier ständig ein. Er saß zumeist in einer Ecke des Selbstbedienungstresens und konnte mitunter sich vor Lachen krümmen. Der feuchtfröhliche Auslöser: Bahnhofswirt Ali, so wurde er kurz genannt, schüttete Richard mit Wasser gefüllte Schnapsgläser ins Gesicht. Im Nachbarraum schimpfte derweil der nicht minder angesäuselte Rollkutscher Otto S. über die Kommunisten, die ihm doch die strammen Pferde weggenommen hatten.

Die Ausstrahlung der Mitropa-Gaststätte blieb übrigens Landesweit nicht gänzlich unbekannt. In den achtziger Jahren entlockte der Eulenspiegel-Redakteur Ernst Röhl seiner Feder in einem satirischen Beitrag über die Ihlestadt folgende Sätze: „Mit der Weinbrandseligkeit, die allabendlich in der HO – Bahnhofsgaststätte launige Wellen schlägt, kann er dennoch nicht konkurrieren. (gemeint ist das Jugendklubhaus) Hier sitzen die größten Steher, bis sie fallen, Schnaps das ist ihr erstes und letztes Wort und die Verordnung zum Schutze der Jugend hängt schief im Rahmen.“

Bahnohofsgaststätte 1984

Es versammelten sich in der Bahnhofsgaststätte zudem über Jahre in bierlauniger Runde auch die Gäste, die die absichtlich den Zug verpassten. Und Maschinenbauer erklärten das Lokal zu ihrem Pausenraum. Oft wurde vergessen, dass die Spätschicht an der Drehbank eigentlich schon um 22 Uhr geendet hatte und man längst Zuhause sein könnte.

Die Wende überlebte der Burger Mitropa-Treff nicht lange. Zwar wurde in den neunziger Jahren versucht, den Gastraum mit der Filiale einer Bäckereikette und gleichzeitig mit einem modernen Imbissstand am Leben zu halten. Beides verschwand wieder. Auch ein danach eingerichteter Presse-Shop stellte sich als wirtschaftlicher Missgriff heraus. Seitdem ist die Bahnhofskneipe verwaist.

Eine Erwähnung wert soll zum Schluss der zur Bahnhofswirtschaft gehörende Bahnhofsgarten sein – ein Biergarten, von dem nichts mehr zu sehen ist. Es sind nicht die schlechtesten Erinnerungen, die Generationen von Burgern mit diesem gastronomischen Kleinod verbinden konnten. Unter schattigen Bäumen konnten Bier und Brause genießen. Solche gastfreundlichen Erlebnisse sind heute leider rar in der Ihlestadt. Den Bahnhofsgarten gab es bis in die fünfziger Jahre und er streckte sich eingegrenzt vom Bahnhof und altem Westfriedhof und reichte bis in den Goethepark hinein.

Bahnohof 2009

Bahnohof 2017

Fetzers Gaststätte
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