Zentralhalle

Die Adresse der Gaststätte Zentralhalle hieß bis zu ihrem Abriss 2004 Feldstraße 1. Ihr Ursprung war die Gründung einer Tabagie, war aber Jahrzehnte später bis in die 30er-Jahre für die Burger auch Ballsaal und noch in den neunziger Jahren Sport- und Gaststätte.

Einst befand sich ihr Standort außerhalb der Stadtmauern und zwar Anfang des 19. Jahrhunderts. Anton Müller war ein Gärtner, der sich auf die Züchtung von Topfpflanzen spezialisierte hatte. Da er Wert darauf legte, dass die Kundschaft ausgiebig sein Pflanzenreich anschauen konnte, kam er auf die Idee ihr eine Tabagie anzubieten, noch längst nicht unter den Namen Zentralhalle. Aus einer Zeitungsnotiz geht 1813 hervor, dass er nicht nur zum Kauf der grünen Produkte einlud, sondern gleichzeitig zu einer ausreichenden Verschnaufpause bei Bier, Kaffee und Kuchen. Als der in Burg erfahrene Gastronom Christian Schumann 1848 die Gaststätte übernahm, gab es keinen Gartenbau mehr, sondern nur noch die Tabagie. Sie wurde erweitert. Er und Schwiegersohn August Zabel sorgten für Um- und Ausbau. Neben dem zweistöckigen Wohn-und Gasthäusern entstand 1850 ein Tanzsaal nebst Kegelbahn. Das bauliche Ensemble wurde auf den Namen „Zabels Garten“ getauft.

1885 gab es den nächsten Besitzerwechsel. Der Familientradition verpflichtet, übergab Zabel die zum Ballhaus gemauserte Einrichtung seinem Schwiegersohn August Schulze. Er war der Mann, der den Namen „Centralhalle“ gab. Dieser schien den Ihlestädtern wohl zu lang. Sie bevorzugten die Kurzbezeichnung „Cent“. Mathess Bubner, der nachfolgende Besitzer erweiterte sie und ließ an den Saal eine Turnhalle anbauen.  Zahllos die Veranstaltungen, die in der Zentralhalle stattfanden.

Da wurde im Burger Tageblatt vom 29. August 1886 ein Sommernachtsfest angekündigt. Etwas seltsam aus heutiger Sicht mutet an, dass nach der Vorführung des „Riesen-Elephanten Nabod“ und des „Pracht-Feuerwerkes“ ein Bauernmädchen, der Begriff wurde im Druck stark hervorgehoben, aus Westphalen „ihre Aufwartung machen wird“. Waren westphälische Jungfrauen für die Burger etwa Exoten? Aus der Anzeige geht leider nicht hervor, wieso die Vorstellung eines Bauernmädchens aus dem Süden Deutschland ein Lockmittel zum Besuch des Sommernachtsfestes gewesen sein könnte.

Apropos Weiblichkeit und Feuerwerk! Die Emanzipation hatte zu dem Zeitpunkt augenscheinlich leichte Fortschritte. Am 12.Juni 1893 sollte gleichfalls zu einem Sommerfest ein „großartiges Feuerwerk“ entzündet werden. Das für die damalige konservative Kaiserzeit Erstaunliche findet sich in der Ankündigung: „Verfertigt und abgebrannt von der berühmten Kunstfeuerwerkerin Fräulein Albertine Rennebarth aus Magdeburg“.

Die räumliche Großzügigkeit der Zentralhalle war wohl Grund, sie für politische Veranstaltungen zu mieten. Im gleichen Juni trat in ihr Graf Herbert von Bismarck-Schönhausen auf, der für den Wahlkreis und die Deutsche Reichspartei im Reichstag saß. Der älteste Sohn Otto von Bismarcks wollte in einer Wahlveranstaltung für seine Wiederwahl werben. Er tat das in dem Sommer für die Burger nicht nur in der Zentralhalle, sondern auch im Schützenhaus.

In beiden Fällen waren die Organisatoren die Ortsvereine der Nationalliberalen, Freikonservativen und Konservativen als der bürgerlichen in Burg wirkenden Parteien. Zu den Einladern gehörte Carl Paasche. Der Name hatte bis in die DDR-Zeiten einen Klang. Bis in die 50iger Jahre gab es in Burg eine Tuchfabrik unter seinem Firmennamen, bis sie in VEB Volltuchwerk Burg umbenannt wurde.

Die Zentralhalle war in den Jahren überhaupt oft Veranstaltungsort für das „nationalgesinnte“ Burger Bürgertum. Im November 1902 berichtete der Afrikareisende Fritz Unger über die Erlebnisse im Burenkrieg und es gab in ihr 1907 eine Schau mit 80 Kolossal-Kriegsgemälden über den Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871.

Wieder mehr von allgemeinen Interesse dürfte im November 1913 die Information gewesen sein, dass speziell an die Einweihung der elektrischen Anlage ein Tanznachmittag gekoppelt wird. 1923 gab es den Versuch, das grüne Gelände rund um die Zentralhalle für Erholung und Gesundheitspflege zu reservieren. Der Naturheilverein ließ in ihr das 29. Stiftungsfest stattfinden und kündigte Luftbad-Freiübungen an. Zitat aus dem Burger Tageblatt: „Herr Schmidt aus Magdeburg verstand es, die Zuhörer in seinem Vortrag, Über den Zweck bei Luftbädern“ zu fesseln. Er behandelte verschiedene Krankheiten und gab die richtige Anwendung der Luftbädern bekannt.“

Die turbulente Entwicklung der Weltwirtschaftskrise ab 1929 bis zur Machtergreifung Hitlers ging an Burg nicht spurlos vorüber und damit auch nicht an der Zentralhalle. Sie war jetzt vom KPD-Ortsverein ausgewählt worden, Massenveranstaltungen auf die Beine zu stellen. Im Februar 1930 hatte der Burger KPD-Funktionär Hermann Matern zu einer Versammlung gerufen. Im Tageblatt hieß es: „Seine Angriffe richteten sich in der Hauptsache gegen die Sozialdemokratie, die nach seiner Ansicht noch reaktionärer ist, als die deutschnationale und deutschvölkische Partei“. Eine Woche vor der Machtergreifung Adolf Hitlers am 30.Januar 1933 hatte die KPD-Ortsgruppe eine Lenin-Liebknecht-Luxemburg-Feier angekündigt. Aber noch am 24. Februar, also gut zwei Wochen nach dem Antritt von Hitler, wagten die Burger Kommunisten in der Zentralhalle eine „Große öffentliche Versammlung zum Thema Einheitsfront Hitler-Papen oder Einheitsfront aller Werktätigen?“ Danach gaben nur noch die Nazis den politischen Ton in der Zentralhalle an. Nicht erstaunlich aus diesen Randnotizen der Burger jüngeren Geschichte ist deshalb, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die gegründete SED-Ortsgruppe die Zentralhalle als propagandistischen Treffpunkt für sich wieder entdeckt hatte. 1948 gab es in ihr eine Gedenkfeier an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

Dessen ungeachtet entwickelte sich in der Nachkriegszeit die Zentralhalle zu einem neuen beliebten Vergnügungstempel. Immer wieder wurde zu Tanzvergnügen, Bällen oder zu Kostümfesten der Burger Karnevalsgesellschaft eingeladen, oft mit dem Tanzorchester Fredi Emmelmann. Anfang der 60er Jahre kam es um die Zentralhalle, die zum Haus des Sports umbenannt wurde, zu öffentlichen Streitereien wegen des schwankenden Niveaus des Hauses. Es wurde in der Zuständigkeit zweigleisig gefahren. Die Stadtverwaltung war für den Saal verantwortlich, der HO-Kreisbetrieb für die Gastronomie. Laut Volksstimme-Bericht vom 6.März 1964 war der Gaststättenbereich „im vorbildlichen Zustand“, aber die Stadt habe den Saal „verkommen lassen“. Wie üblich, gab es als Konsequenz eine organisierte Massenbewegung, um nach freiwilligen Aufbaustunden den Saal samt Sportbereich wieder im Glanz erscheinen zu lassen. Der Kreisvorstand des Deutschen Sportbundes wollte 20 Helfer mobilisieren. Die Lehrlingsbrigade des VEB (K) Bau erklärte sich bereit, gleichfalls mitzuarbeiten. Die Volksstimme musste aber feststellen: „Hier ist auch keine Heizungsanlage drin, und wenn Lehrgänge durchgeführt werden, müssen 10 Öfen geheizt werden. Der arme Heizer…“ Was etwas später trotz gesellschaftlichen Aufbäumens folgte, das zweckentfremdete Umfunktionieren des Hauses des Sports zur langjährigen Lagerstätte der Schuhfabrik „Rote Stern“.

Die Gastwirtschaft „Bürgermark“ in der Feldstraße im Monat ihrer Eröffnung Oktober 1985. Nach längeren Leerstand wurde das Gebäude in dem sich die Gaststätte befand einschließlich der Zentralhalle Dezember 2003 abgerissen.

1985 erfolgten Umbauten. Die neue Gaststätte „Zur Bürgermark“ wurde von Lothar Kraneiß eröffnet. Im Saal hatten sich die Judokas von Fortschritt Burg eingerichtet und das zum großen Teil in baulicher Eigeninitiative seit 1982. Eine nachbarschaftliche Partnerschaft zwischen Betreiber Kraneiß und Sportlern wurde es aber nie, schon gar nicht nach der Wende. Die Judosportler fühlten sich verdrängt. Lothar Kraneiß soll zum Beispiel die Zusage, bei Wettkämpfen die gastronomische Versorgung zu übernehmen, nicht eingehalten haben. Zudem war die Miete von 1305 DM für den Verein zu hoch. Dann die Überraschung: Im Herbst 1996 musste die große Frage in Burg gestellt werden: „Wohin ist Lothar Kraneiß mit Gattin verschwunden?“ Vorausgegangen waren über Jahre sein Versprechen an die Stadt, die 1992 vereinbarte Kaufsumme zu überweisen, was nie eingehalten wurde. Zusätzlich trat er immer wieder an die Öffentlichkeit mit Projektideen, wie zum Beispiel aus der Halle einen Ballsaal zu machen. Das letzte Lebenszeichen von Kraneiß an die Stadtverantwortlichen soll ein Brief gewesen sein, in dem sich der Schlüssel zu dem Gebäude befunden haben soll. Offiziell ist bis heute nicht bekannt, in welche Himmelsrichtung sich das Ehepaar Kraneiß abgesetzt hat. Hartnäckig hielt sich das Gerücht: Vereinigte Staaten von Amerika. Die Volksstimme hatte zum Jahresende 1996 versucht zu recherchieren, ob Lothar und Renate Kraneiß tatsächlich in die USA geflüchtet sind. Es soll so gewesen sein, hieß es in der Volksstimme. Nur enge Freunde des Paares sollen gewusst haben, wo es sich niedergelassen hat.

Heute ist von dem Traditionshaus nichts mehr zu sehen. Die Feldstraße 1 als Zentralhalle gibt es nicht mehr. Im Dezember 2003 war mit dem Abriss begonnen wurden. Auf ihrem Gelände wuchs ein kleines Viertel von Eigenheimen.

Wilhelmsgarten
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