Brauner Hirsch

Für manches Etablissement der Ihlestadt wechselten die Besitzer, Pächter oder Betreiber, wie deren Braven Köche die Geschirrtücher. Ein Beispiel ist der Gasthof „Brauner Hirsch“. Er befand sich einst im Schatten des Berliner Torturmes an der die Ecke Koloniestraße, Berliner Straße. Dort befindet sich heute ein Autohaus mit angeschlossener Reparaturwerkstatt. Die Gaststätte 1801 von Lorenz Ganter erbaut, war bis nach 1950 in Betrieb

Um die Jahrhundertwende bis in die Zeit vor den Ersten Weltkrieg gab ein Gastwirt dem anderen Gastwirt den Zapfhahn in die Hand. Im September 1891 bat noch ein gewisser H. Hoffmann um den geneigten Zuspruch von Gästen und kündigte den Zeitvertreib mit französischem Billard an. Zehn Monate später Anfang Juni 1892 meldete sich ein G. Ohrenstedt per Anzeige zu Wort. Neben guten Speisen und Getränken seien seine Logierzimmer und die Stallungen „stets in bester Ordnung“. Das Versprechen konnte er aber wohl nicht lange halten.

Tageblatt 11. September 1892

Ab September des gleichen Jahres empfahl sich der nächste Gastwirt, der mit H. Heyer die Bekanntmachung gezeichnet hatte. Seine Werbeschlager: „Zugleich mache ich drauf aufmerksam, dass ich in meinem Locale eines der größten mechanischen Musikwerke aufgestellt habe, dasselbe spielt täglich.“

Erstaunlich lange im Vergleich zu seinen Vorgängern hielt es Heinrich Hester am Schanktisch des „Braunen Hirsches“ aus. Er übernahm ihn im Juli 1900 von Gastwirt Heyer. Und auch Hester bot etwas Neues. Anfang des vorigen Jahrhunderts schien es noch die Ausnahme zu sein, Damen als Kellner zu offerieren. Jedenfalls in Burg. Kaum von ungefähr teilt er seinen künftigen Besuchern in unübersehbarer Großschrift mit: „Bedienung durch süddeutsche Damen.“ Heinrich Hester vertraute nicht allein auf die Anziehungskraft weiblicher Kassiererinnen, sondern auch auf besondere Feste. Im Februar 1904 rief er zum „Deutsch-Süd-Westafrikanischen Bockbierfest“, was das immer auch gewesen sei.

Nur schien es mitunter nicht so einfach zu sein, die Magie seiner angestellten Damen auf robuste Gäste schadlos einzustellen. Die Gerichtsnotiz aus den Burger Neuesten Nachrichten vom 16. Januar lassen das ahnen. Drei Arbeiter aus Magdeburg hatten eine sommerliche Radtour nach Burg unternommen und im „Braunen Hirsch“ Erholung gesucht. Sie stillten den Durst nicht nur bei Hester, sondern auch in anderen Burger Gaststätten mit vornehmlich weiblicher Bedienung, wie der Gerichtsreporter vermerkte. Im „Braunen Hirsch“ aber, in den das Magdeburg Ausflugstrio bierseelig zurückgekehrt war, ging es nicht mehr friedlich zu. Schlosser Ernst Wittern aus Magdeburg kam mit einer Kellnerin in Streit, erhielt von ihr eine Ohrfeige und beförderte „zur Herstellung seiner Mannesehre“ die Bedienstete mit aller Kraft gegen das Orchestrion. Gastwirt Hester nebst Gattin bekamen bei der Gelegenheit auch einige Faustschläge ab, was zur Folge hatte, dass das Königliche Schöffengericht zu Burg bemüht werden musste. Wegen Körperverletzung in drei Fällen wurden die Randalierer aus Magdeburg zu zwischen 15 Mark oder drei Tage Gefängnis bis zu 3 Mark oder einen Tag Gefängnis verurteilt.

Ob dieser Vorfall den Unternehmermut des Ehepaars Hester hat sinken lassen, ist nicht belegt. Aber das ab Juni 1908 ein Albert Müller den „Braunen Hirsch“ führte, schon. Nur der unterließ den Hinweis auf den Vorzug weiblicher Bedienung, dafür aber, dass er „kulant“ bedienen wolle.

Letzter Wirt nach dem Zweiten Weltkrieg war Eberhard Jerichow.

Zur Tenne
Preußischer Hof
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